Freitag, 9. November 2012

Talk 20, 30.1.935

Herr Evans-Wentz: »Ist Einsamkeit für einen Jnani notwendig?«
M.: »Einsamkeit ist im Geist des Menschen. Ein Mensch kann im Dickicht der Welt leben und gelassen bleiben. So jemand ist einsam. Ein anderer mag im Wald leben, doch unfähig sein, seinen Geist zu kontrollieren. Von ihm kann man nicht sagen, dass er einsam sei. Einsamkeit ist eine Geisteshaltung. Ein Mensch, der an seinen Wünschen hängt, kann nicht einsam sein, wo immer er auch sein mag. Ein losgelöster Mensch ist immer einsam.«
F.: »Man kann also ohne Wünsche seine Arbeit tun und die Einsamkeit beibehalten. Ist es so?«
M.: »Ja. Arbeit, die man mit Anhaftung erfüllt, ist eine Fessel, während Arbeit ohne Anhaftung den Handelnden nicht berührt. Er ist selbst während der Arbeit einsam.«
F.: »Es soll in Tibet viele Heilige geben, die einsam leben und trotzdem für die Welt von großem Nutzen sind. Wie ist das möglich?«
M.: »Es ist möglich. Die Selbstverwirklichung ist die größte Hilfe, die der Menschheit zuteil werden kann. Deshalb heißt es, dass die Heiligen helfen, obwohl sie in den Wäldern bleiben. Man sollte aber dabei nicht vergessen, dass es Einsamkeit nicht nur in den Wäldern gibt. Man kann sie auch in den Städten, inmitten weltlicher Beschäftigung haben.«
F.: »Müssen sich die Heiligen nicht unter die Leute begeben, um ihnen zu helfen?«
M.: »Nur das Selbst ist die Wirklichkeit. Die Welt und alles Übrige sind es nicht. Der Verwirklichte sieht die Welt nicht als von sich selbst verschieden.«
F.: »Bedeutet das, dass die Verwirklichung eines Menschen die Menschheit erbaut, ohne dass sie sich dessen bewusst ist?«
M.: »Ja. Die Hilfe geschieht unmerklich, ist aber trotzdem da. Ein Verwirklichter hilft der ganzen Menschheit, ohne dass sie es weiß.«
F.: »Wäre es nicht besser, wenn er unter die anderen Menschen ginge?«
M.: »Es gibt keine anderen, unter die er gehen könnte. Das Selbst ist die eine und einzige Wirklichkeit.«
F.: »Wenn es hundert selbstverwirklichte Menschen gäbe, wäre das nicht zum besseren Wohl der Welt?«
M.: »Wenn du ›Selbst‹ sagst, dann beziehst du dich auf das Unbegrenzte. Aber wenn du ›Menschen‹ hinzufügst, dann begrenzt du die Bedeutung. Es gibt nur ein unendliches Selbst.«
F.: »Ja, ich verstehe. Sri Krishna sagt in der Gita, dass man die Arbeit ohne Anhaftung tun müsse und dass solche Arbeit besser als Nichtstun sei. Ist damit karma yoga gemeint?«
M.: »Was gesagt wurde, entspricht der Veranlagung des Zuhörers.«
F.: »In Europa verstehen die Leute nicht, dass ein Mensch, der in Einsamkeit lebt, hilfreich sein kann. Sie glauben, dass nur Menschen, die in der Welt wirken, nützlich sind. Wann wird dieser Irrtum enden? Wird der europäische Geist weiterhin im Morast waten oder die Wahrheit erkennen?«
M.: »Sorge dich nicht um Europa oder Amerika. Wo sind diese Länder außer in deinem Geist? Verwirkliche dein Selbst, dann ist alles verwirklicht. Wenn du von Menschen träumst und dann aufwachst und dich an deinen Traum erinnerst, versuchst du dann festzustellen, ob die Personen in deiner Traumschöpfung auch wach sind?«
F.: »Was denkt der Maharshi über die Theorie der Welt-Illusion (maya)?«
M.: »Was ist maya? Sie ist nur Wirklichkeit.«
F.: »Bedeutet maya nicht Illusion?«
M.: »Der Ausdruck ›maya‹ wird benutzt, um die Manifestationen der Wirklichkeit zu bezeichnen. Deshalb ist maya nur die Wirklichkeit.«
F.: »Manche Leute behaupten, Shankara sei nur ein Intellektueller, aber kein Verwirklichter gewesen. Stimmt das?«
M.: »Warum kümmerst du dich um Shankara? Verwirkliche dein eigenes Selbst. Andere können für sich selbst sorgen.«
F.: »Jesus Christus heilte Kranke. Geschah das nur durch okkulte Kraft (siddhi)?«
M.: »War sich Jesus bewusst, dass er Kranke heilte? Er konnte sich seiner Kräfte nicht bewusst gewesen sein. Dazu gibt es folgende Geschichte: Jesus hatte einst einen Blinden geheilt. Der Mann wurde im Lauf der Zeit immer böser. Als Jesus ihm nach einigen Jahren wieder begegnete und seine Bosheit sah, fragte er ihn nach dem Grund. Er antwortete, dass er, als er blind gewesen sei, keine Sünden hätte begehen können. Aber nachdem Jesus ihn von seiner Blindheit geheilt habe, sei er böse geworden. Also sei Jesus dafür verantwortlich.«
F.: »War Jesus nicht ein Vollkommener, der okkulte Kräfte (siddhis) besaß?«
M.: »Er konnte sich seiner Kräfte (siddhis) nicht bewusst gewesen sein.«
F.: »Ist es nicht gut, solche Kräfte wie Telepathie und dergleichen zu erlangen?«
M.: »Telepathie sowie das Radio ermöglichen einem, etwas von fern zu sehen und zu hören. Es ist immer dasselbe Sehen und Hören. Ob man etwas von Nahem oder Fernem hört, macht für das Hören keinen Unterschied. Der grundlegende Faktor ist der Hörende, das Subjekt. Ohne den Hörenden oder Sehenden kann es kein Hören oder Sehen geben. Letzteres sind Funktionen des Geistes. Deshalb gehören die okkulten Kräfte (siddhis) nur zum Geist, nicht zum Selbst. Was aber nicht natürlich ist, sondern erworben wurde, kann nicht von Dauer sein und ist nicht wert, dass man danach strebt.
Okkulte Kräfte sind über das Normale hinausgehende Kräfte. Der Mensch besitzt begrenzte Kräfte und fühlt sich elend. Er möchte seine Kräfte ausweiten, um glücklich zu sein. Aber wird er das dadurch? Wenn man sich schon mit begrenztem Wahrnehmungsvermögen elend fühlt, dann muss das Elend mit zunehmendem Wahrnehmungsvermögen wachsen. Okkulte Kräfte machen niemand glücklich, sondern nur elender!
Im Übrigen: Wozu? Der Möchtegern-Okkultist (siddha) will seine siddhis zur Schau stellen, damit die anderen ihn anerkennen. Er sucht Anerkennung, und wenn sie sich nicht einstellt, ist er unglücklich. Er braucht andere, die ihn anerkennen. Womöglich trifft er auf jemanden, der noch größere Kräfte als er besitzt. Das wird ihn eifersüchtig und noch unglücklicher machen. Der bessere Okkultist (siddha) kann jemanden treffen, der noch besser ist als er, und so geht es weiter, bis einer kommt, der alles im Nu beiseite fegt. Dies ist der höchste Meister (siddha), und Er ist Gott oder das Selbst.
Worin besteht wahre Kraft? Darin, seinen Besitz zu vermehren oder Frieden zu bringen? Was Frieden bringt, ist die höchste Vollkommenheit (siddhi).«
F.: »Aber der europäische und amerikanische Durchschnittsmensch würde eine solche Haltung nicht anerkennen. Er will etwas zu sehen bekommen, durch Vorträge unterrichtet werden usw.«
M.: »Vorträge können die Menschen für einige Stunden unterhalten, ohne sie zu bessern. Schweigen ist dagegen dauerhaft und kommt der ganzen Menschheit zugute.«
F.: »Schweigen wird aber nicht verstanden.«
M.: »Das macht nichts. Mit Schweigen ist Beredsamkeit gemeint. Belehrungen mit Worten sind nicht so beredsam wie Schweigen. Schweigen ist dauerhafte Beredsamkeit. Der ursprüngliche Meister Dakshinamurti ist dafür das Vorbild. Er lehrte seine rishi-Schüler durch Schweigen.«
F.: »Aber Er hatte damals Schüler. Da war das in Ordnung. Jetzt ist es anders. Man muss sie aufsuchen, um ihnen zu helfen.«
M.: »Diese Ansicht ist ein Zeichen von Unwissenheit. Die Kraft, die dich erschaffen hat, hat auch die Welt erschaffen. Wenn sie sich um dich kümmern kann, dann kann sie sich auch um die Welt kümmern.«
F.: »Wie denkt Bhagavan über die verlorene Seelen, von denen Jesus Christus sprach?«
M.: »Überlege, was verloren gehen kann. Gibt es überhaupt etwas zu verlieren? Was zählt, ist nur das, was natürlich ist. Es muss ewig sein und kann nicht erfahren werden. Was geboren wurde, muss sterben. Was erlangt wurde, muss verloren gehen. Aber wurdest du geboren? Du existierst immer. Das Selbst kann niemals verloren gehen.«
F.: »Buddha rät zum achtfachen Weg als dem besten, damit niemand verloren gehen möge.«
M.: »Ja. Er wird von den Hindus Raja Yoga genannt
F.: »Ist es für einen spirituell Suchenden ratsam, Yoga zu üben?«
M.: »Yoga hilft, den Geist zu kontrollieren.«
F.: »Führt Yoga nicht zu okkulten Kräften (siddhis), die gefährlich sein sollen.«
M.: »Du hast deine Frage auf den spirituell Suchenden bezogen. Du hast also nicht den, der nach okkulten Kräften (siddhis) sucht, gemeint.«

Talk 19, 29.1.1935

Herr Grant Duff fragte: »Wo sind Erinnerung und Vergessen lokalisiert?«
Maharshi: »Im Geist (chitta).«

Talk 18, 26.1.1935

Herr Evans-Wentz fragte: »Es gibt Yogis, die okkulte Kräfte besitzen. Wie denkt der Maharshi darüber?«
M.: »Die Kräfte sind vom Hörensagen oder durch Zurschaustellung bekannt. Folglich existieren sie nur im Bereich des Geistes.«
F.: »Herr Brunton erwähnte einen Yogi in Madras, der mit seinem Meister im Himalaya auf übersinnliche Weise Verbindung haben soll.«
M.: »Das ist nicht erstaunlicher als Telepathie, also nichts Besonderes. Telepathie kann es nicht ohne den Hörenden geben und in die Ferne sehen nicht ohne den Sehenden. Worin besteht der Unterschied zwischen dem Hören aus der Ferne oder aus der Nähe? Nur der Hörende ist von Bedeutung. Ohne ihn kann es kein Hören geben und ohne den Sehenden kein Sehen.«
F.: »Du willst also, dass ich das Subjekt beachte und nicht das Objekt.«
M.: »Subjekt und Objekt entstehen erst, nachdem der Geist aufgetaucht ist. Sie sind im Geist, genauso wie die okkulten Kräfte.«
F.: »Kann man die Erscheinung des Lichtes (jothi) auf dem Arunachala sehen?«
M.: »Ja.«
F.: »Hat der Besuch heiliger Orte wie des Berges Kailash, Benares usw. eine psychische Wirkung?«
M.: »Ja.«
F.: »Ist es von Vorteil, wenn man in Benares stirbt?«
M.: »Ja. Die Bedeutung wird klar, wenn man versteht, was das wirkliche Benares und das wirkliche Sterben ist.«
F.: »Meinst du damit, dass sie im Selbst sind?«
M.: »Ja.«
F.: »Es gibt sechs Zentren im Körper und ihnen entsprechende Zentren in der Welt.«
M.: »Ja. Was in der Welt ist, ist auch im Körper, und was im Körper ist, ist auch in der Welt.«
F.: »Ist die Heiligkeit von Benares Glaubenssache, oder entspricht sie auch objektiv der Wirklichkeit?«
M.: »Beides.«
F.: »Manche Leute werden vom einen Pilgerort angezogen, andere von einem anderen. Hängt das von ihrer Veranlagung ab?«
M.: »Ja. Denke nur daran, dass ihr euch alle hier versammelt habt, obwohl ihr in verschiedenen Städten geboren worden seid und in verschiedenen Ländern lebt. Welche Kraft hat euch hierher gezogen? Wenn ihr das versteht, versteht ihr auch die andere Kraft.«

Freitag, 2. November 2012

Talk 17

Herr W. Y. Evans-Wentz, ein englischer Forscher der Oxford Universität, kam zu Besuch und brachte ein Empfehlungsschreiben von Herrn Brunton mit. Er war von der Reise erschöpft und brauchte zunächst Ruhe. Er ist an die indischen Sitten gewöhnt und ist schon öfter in Indien gewesen. Er hat Tibetisch gelernt und das Tibetanische Totenbuch, die Biografie Milarepas, des größten tibetischen Yogi, sowie ein Buch über die tibetanischen Geheimlehren herausgebracht.
Am Nachmittag stellte er einige Fragen über Yoga. Er wollte wissen, ob es richtig sei, Tiere wie Tiger und Rehe zu töten, um ihr Fell als Unterlage für die Yogastellung (asana) zu benutzen.
M.: »Der Geist ist der Tiger oder das Reh.«
F.: »Wenn alles eine Illusion ist, dann darf man also töten?«
M.: »Wer hat die Illusion? Finde das heraus. Tatsächlich ist jeder in jedem Augenblick seines Lebens ein Mörder des Selbst (atmahan).«
F.: ›Welche Yogastellung ist die beste?‹
M.: »Jede Stellung, vielleicht sukha asana (die leichte oder Halb-Buddha-Stellung). Aber das ist für jnana (den Weg der Erkenntnis) unwesentlich.«
F.: »Lässt die Sitzhaltung auf die Veranlagung schließen?›
M.: »Ja.«
F.: »Was sind die Eigenschaften und Wirkungen eines Tiger- oder Rehfells oder von Wolle?«
M.: »Das wird in Yoga-Büchern beschrieben. Es hat mit der guten oder schlechten magnetischen Leitfähigkeit usw. zu tun. Aber das alles ist für den Weg der Erkenntnis (jnana marga) bedeutungslos. Die Haltung meint in Wirklichkeit Stand und Festigkeit im Selbst, und sie ist im Innern. Beim anderen handelt es sich um äußere Haltungen.«
F.: »Welche Zeit ist für die Meditation am besten?«
M.: »Was ist Zeit?«
F.: »Sag es mir!«
M.: »Zeit ist lediglich eine Vorstellung. Es gibt nur die Wirklichkeit. Was immer du glaubst, das sie ist, das scheint sie zu sein. Wenn du sie Zeit nennst, ist sie Zeit. Wenn du sie Existenz nennst, ist sie Existenz und so fort. Nachdem du sie Zeit genannt hast, unterteilst du sie in Tage und Nächte, Monate, Jahre, Stunden, Minuten usw. Zeit ist für den Weg der Erkenntnis unwesentlich. Aber einige dieser Regeln und Disziplinen sind für den Anfänger nützlich.«
F.: »Worin besteht der Pfad der Erkenntnis (jnana marga)?«
M.: »Die Konzentration des Geistes ist beiden gemein, dem Pfad des Erkennens und dem des Yoga. Yoga strebt die Einheit des Individuums mit dem Ganzen, mit der Wirklichkeit, an. Diese Wirklichkeit kann nicht neu sein. Sie muss auch jetzt existieren und sie existiert. Deshalb versucht man auf dem Pfad der Erkenntnis herauszufinden, wie viyoga (Trennung) entstanden ist. Die Trennung ist ja nur eine Trennung von der Wirklichkeit.«
F.: »Was ist Illusion?«
M.: »Wer hat die Illusion? Finde das heraus. Dann verschwindet sie. Immer wollen die Leute wissen, was Illusion ist, und untersuchen nicht, wer sie hat. Das ist töricht. Illusion ist etwas Äußeres und Unbekanntes. Aber der Sucher gilt als bekannt und ist im Innern. Finde heraus, was unmittelbar und vertraut ist, anstatt herauszufinden, was weit weg und unbekannt ist.«
F.: »Empfiehlt Bhagavan Europäern eine bestimmte Körperhaltung?«
M.: »Vielleicht ist es ganz nützlich, eine bestimmte Sitzhaltung einzunehmen. Doch es muss klar sein, dass das Fehlen von asanas, festen Zeiten oder etwas von dieser Art die Meditation nicht verhindert
F.: »Empfiehlt der Maharshi Europäern eine besondere Methode?«
M.: ›Das hängt von der geistigen Fähigkeit des Einzelnen ab. Es gibt keine starren und festen Regeln.‹«

Herr Evans-Wentz stellte noch mehrere Fragen, von denen sich die meisten auf die Yoga-Vorbereitungen bezogen. Der Maharshi beantwortete alle dahingehend, dass sie Hilfsmittel fürs Yoga seien, das selbst eine Hilfsmittel für die Selbstverwirklichung, dem Ziel von allem, sei.
F.: »Ist Arbeit ein Hindernis für die Selbstverwirklichung?«
M.: »Nein. Für den Verwirklichten ist allein das Selbst die Wirklichkeit. Die Handlungen gehören lediglich der Welt der Erscheinungen an. Sie berühren das Selbst nicht. Auch wenn der Verwirklichte handelt, hat er nicht das Empfinden, ein Handelnder zu sein. Seine Handlungen geschehen unwillkürlich, und er bleibt ihnen gegenüber ein Zeuge, ohne ihnen verhaftet zu sein. Sein Handeln geschieht absichtslos. Auch jemand, der auf dem Weg der Erkenntnis (jnana) ist, kann üben, während er einer Beschäftigung nachgeht. Am Beginn kann es für den Anfänger schwierig sein, aber nach einiger Übung gelingt es, und die Arbeit wird nicht mehr als Hindernis für die Meditation empfunden.«
F.: »Worin besteht die Übung?«
M.: »In der beständigen Suche nach dem ›Ich‹, der Quelle des individuellen Ich. ›Wer bin ich?‹ – finde das heraus. Das reine ›Ich‹ ist die Wirklichkeit, Sein-Bewusstsein-Seligkeit in seiner Absolutheit. Wenn man DAS vergisst, entsteht das ganze Elend. Wenn man DAS festhält, kann das Elend der Person nichts anhaben.«
F.: »Ist nicht brahmacharya (Ehelosigkeit) notwendig, um das Selbst zu verwirklichen?«
B.: »Brahmacharya bedeutet, in Brahman zu leben. Es hat nichts mit Ehelosigkeit zu tun, wie es üblicherweise verstanden wird. Ein wahrer brahmachari ist einer, der in Brahman lebt, und in Brahman, das mit dem Selbst identisch ist, sein Glück findet. Warum sollte er dann nach anderen Glücksquellen suchen? In Wirklichkeit ist das Auftauchen aus dem Selbst die Ursache allen Elends.«
F.: »Ist nicht Ehelosigkeit eine grundlegende Bedingung für den Weg des Yoga?«
B.: »Sie ist sicherlich für die Verwirklichung ein Hilfsmittel unter vielen anderen.«
F.: »Dann ist sie nicht unbedingt nötig? Kann ein verheirateter Mann das Selbst verwirklichen?«
B.: »Selbstverständlich. Es ist eine Frage der geistigen Reife. Verheiratet oder unverheiratet, man kann das Selbst verwirklichen, denn das Selbst ist hier und jetzt da. Wenn das nicht der Fall wäre und es nur durch Anstrengung irgendwann in der Zukunft erlangt werden könnte, wenn es etwas Neues wäre, das man erwerben müsste, dann wäre es nicht der Suche wert. Denn was nicht natürlich ist, kann auch nicht von Dauer sein. Deshalb sage ich, dass das Selbst hier und jetzt da ist und dass ES allein existiert.«
F.: »Da Gott in allen Lebewesen wohnt, darf man kein Leben nehmen. Ist es von der Gesellschaft richtig, einen Mörder hinzurichten? Oder darf es der Staat? In den christlichen Länder beginnt man, es für unrecht zu halten.«
M.: »Was hat den Mörder veranlasst, eine Straftat zu begehen? Dieselbe Kraft lässt ihm nun die Bestrafung zuteil werden. Die Gesellschaft oder der Staat sind nur ein Werkzeug in der Hand dieser Kraft. Du sprichst von einem Leben, das genommen wurde – was aber ist mit den unzähligen Leben, die der Krieg vernichtet?«
F.: »Genau. Töten ist in jedem Fall unrecht. Sind Kriege zu rechtfertigen?«
M.: »Für den Verwirklichten, demjenigen, der immer im Selbst bleibt, macht der Verlust eines oder mehrerer oder aller Leben in dieser Welt oder in allen drei Welten1 keinen Unterschied. Selbst wenn er es wäre, der alle vernichten würde, könnte keine Sünde eine solch reine Seele berühren.«
Der Maharshi zitierte aus der Bhagavad Gita Kapitel 18, Vers 17: »Wer frei von der Vorstellung des Egos ist, wessen Verstand ungebunden ist, der tötet nicht, selbst wenn er alle Welten vernichtet, noch ist er an das Resultat seiner Handlungen gebunden.«
F.: »Wirken sich die Handlungen eines Menschen nicht auf seine zukünftigen Geburten aus?«
B.: »Bist du jetzt geboren? Warum denkst du über künftige Geburten nach? In Wahrheit gibt es weder Geburt noch Tod. Soll der, der geboren wurde, an den Tod denken und wie er sich Linderung verschaffen kann.«
F.: »Wie lange hat der Maharshi gebraucht, um das Selbst zu verwirklichen?«
B.: »Diese Frage stellst du, weil du Name und Form wahrnimmst. Diese Wahrnehmungen ergeben sich aus der Identifikation des Egos mit dem grobstofflichen Leib.
Wenn sich das Ego, wie im Traum, mit dem subtilen Geist identifiziert, dann sind auch die Wahrnehmungen subtil. Aber im Tiefschlaf gibt es keine Wahrnehmungen. War derweilen das Ich nicht trotzdem da? Andernfalls könnte es keine Erinnerung geben, geschlafen zu haben. Wer also hat geschlafen? Du sagst in deinem Schlaf nicht, dass du schläfst. Du sagst es erst jetzt, im Wachzustand. Deshalb ist das Ich dasselbe im Wachen, Traum und Tiefschlaf. Finde die Wirklichkeit hinter diesen Zuständen. Das ist die Wirklichkeit, die ihnen zugrunde liegt. In diesem Zustand gibt es nur das Sein. Es gibt kein du, ich oder er, keine Gegenwart, keine Vergangenheit und keine Zukunft. Dieser Zustand ist jenseits von Raum und Zeit und kann nicht mit Worten beschrieben werden. Er ist immer da.
Wie eine Bananenstaude Schösslinge aus den Wurzeln treibt, bevor sie Früchte trägt und abstirbt, und die Schösslinge dasselbe tun, nachdem sie eingepflanzt wurden, so hat auch der ursprüngliche alte Meister (Dakshinamurti), der die Zweifel seiner Rishis-Schüler in Schweigen klärte, Schösslinge hinterlassen, die sich beständig vermehren. Der Guru ist ein Spross von Dakshinamurti. Die Frage taucht nicht auf, wenn das Selbst verwirklicht ist.«
F.: »Erfährt der Maharshi nirvikalpa samadhi
M.: »Wenn die Augen geschlossen sind, ist es nirvikalpa, wenn sie offen sind, ist es savikalpa, in dem es zwar Unterschiede, aber völlige Ruhe gibt. Der stets gegenwärtige Zustand ist der natürliche Zustand von sahaja
1die Welt der Götter, die der Menschen und die der Unterwelt

Talk 16, 19.1.1935

Herr Douglas Ainslie (Grant Duff), ein 70jähriger englischer Aristokrat und Neffe eines früheren Gouverneurs von Madras, Schriftsteller und Dichter, ehemaliges Mitglied der britischen Botschaften in Athen, Paris und Den Haag, war als Gast der Regierung nach Madras gekommen. Mit einem Empfehlungsschreiben von Paul Brunton besuchte er den Maharshi. Am nächsten Tag kam er wieder und blieb fast eine Stunde in der Halle. Beide Male wurde so gut wie nichts gesprochen, aber die Blicke trafen sich.
Herr Ainslie lebt sehr bescheiden. Er nimmt bis zum Mittagessen um 1 Uhr nichts zu sich. Seine Abendmahlzeit soll nur aus Kaffee und Keksen bestehen, und er geht, ohne noch etwas zu essen, schlafen. Er ist sein Leben lang unverheiratet geblieben. Er wandert jeden Morgen mit nüchternem Magen einige Kilometer, spricht wenig, und seine Bewegungen sind sehr anmutig. Seine Stimme ist tief und leise, und was er sagt, kommt von Herzen. Zu seinen Freunden zählt der späte Sir John Woodroffe, Sir Sarvepalli Radhakrishnan und Professor Thomas, Sanskrit-Professor an der Oxford-Universität. Herr Ainslie äußerte den Wunsch, die Veden rezitiert zu hören.
Am Montag traf ein Brief aus Riga ein mit Fragen, die bereits Herr Ainslie gestellt hatte. Es handelte sich um die Existenz der Verstorbenen und wie man ihnen am besten dienen könne. Die Antwort, die nach Riga geschickt werden sollte, wurde ihm vorgelesen. Dann wurden Tamil-Lieder aus Maharshis ›Truth Revealed‹ und aus den Veden vorgetragen. Herr Ainslie fand die Rezitation großartig.
Am folgenden Nachmittag kam er wieder und erzählte dem Maharshi zum Erstaunen der anderen von einem Erlebnis der vergangenen Nacht. Er hatte etwas wie ein elektrisches Licht in seinem rechten Herzzentrum wahrgenommen. Er fügte hinzu, er habe die Sonne in seinem Inneren scheinen sehen. Der Maharshi lächelte nur und ließ ihm eine Übersetzung von Atmavidya (Selbsterkenntnis) vorlesen, in der es geheimnisvoll heißt, dass die Verwirklichung darin bestünde, das Selbst (atman) zu erreichen, das die Ausweitung des reinen Bewusstseins (chidvyoman) im Unterschied zur Ausweitung des individuellen Geistes (chittayyoman) sei. Diese Erklärung sagte ihm zu.
Als man später über Herrn Ainslie sprach, meinte der Maharshi: »Denkt an einen 70jährigen, der sich nicht dafür entschieden hat, friedvoll zuhause von seinem Vermögen zu leben. Wie tief muss sein Verlangen gewesen sein, dass er sein Heimatland verließ, eine Seereise von 6.000 Meilen wagte und die Entbehrung von langen Eisenbahnfahrten in einem fremden Land nicht scheute, ohne dessen Sprache zu kennen, den Wechselfällen eines einsamen Lebens und der Unbarmherzigkeit eines heißen Klimas ausgesetzt, in einer Umgebung, die ihm unangemessen und ungewohnt ist. Er hätte glücklich zuhause bleiben können, aber sein Sehnen nach innerem Frieden hat ihn hergebracht.«
Genau! Die Leute sagen, dass sich sein intensives Verlangen in seinem Erleuchtungserlebnis, das er vier Tage nach seiner Ankunft hier gehabt hatte, gezeigt hätte.
Die Fragen über die Toten wurden dahingehend beantwortet: Solange sich ein Mensch mit seinem grobstofflichen Körper identifiziert, müssen auch die Gedanken, die sich als grobstoffliche Erscheinungen materialisieren, für ihn wahr sein. Da er sich vorstellt, dass sein Körper von einem anderen physischen Lebewesen abstammt, ist der andere Körper für ihn so wirklich wie sein eigener. Da er hier einmal existiert hat, überlebt er auch den Tod, da sein Nachkomme immer noch da ist und glaubt, vom anderen geboren worden zu sein. Unter diesen Umständen betrachtet ist die andere Welt wahr, und den Toten kommen die Gebete zugute, die für sie verrichtet werden.
Wenn man es aber anders betrachtet, ist die eine Wirklichkeit das Selbst, aus dem das Ego gekommen ist, das die Samen der Veranlagungen aus früheren Geburten in sich trägt. Das Selbst erleuchtet das Ego, die Veranlagungen und auch die Sinne, worauf die Veranlagungen den Sinnen als das Universum erscheint und für das Ego, der Reflexion des Selbst, greifbar werden. Das Ego identifiziert sich mit dem Körper und verliert dadurch das Selbst aus seinem Blick. Das Ergebnis dieser Unachtsamkeit ist tiefes Nicht-Wissen und das Elend des gegenwärtigen Lebens. Die Tatsache, dass das Ego aus dem Selbst kommt und es vergisst, ist die Geburt. In diesem Sinne kann man sagen, dass die Geburt des Individuums die Mutter [i.e. das Selbst] getötet hat. Das Verlangen, seine Mutter wiederzubekommen, ist in Wirklichkeit das Verlangen, das Selbst wiederzugewinnen und bedeutet dasselbe wie Selbstverwirklichung oder der Tod des Egos. Das ist die Hingabe an die Mutter, so dass sie ewig lebt.
Dann las der Maharshi die Geschichte von Deerga Tapasi aus der tamilischen Version des Yoga Vasishta vor. Deerga Tapasi hatte zwei Söhne, Punya und Papa. Nach dem Tod der Eltern trauerte der Jüngere über den Verlust. Sein ältere Bruder tröstete ihn mit folgenden Worten: »Warum betrauerst du den Verlust unserer Eltern? Ich will dir sagen, wo sie sind. Sie sind nur in uns. Wir sind sie. Denn der Lebensstrom ist durch unzählige Verkörperungen, Geburten und Tode, Freuden und Leiden hindurchgegangen, wie das Wasser eines Flusses auf seinem Weg über Felsen, Gruben, Sand, Erhebungen und Senkungen fließt. Aber der Fluss bleibt davon unberührt. Die Freuden und Leiden, Geburten und Tode sind in der Fata Morgana des Egos wie die Wellen auf einer vorgespiegelten Wasseroberfläche. Die einzige Wirklichkeit ist das Selbst, aus dem das Ego auftaucht und durch Gedanken fließt, die sich als das Universum manifestieren, in dem Mütter und Väter, Freunde und Verwandte erscheinen und wieder verschwinden. Sie sind nur Manifestationen des Selbst. Deshalb sind unsere Eltern nicht außerhalb des Selbst, und es gibt keinen Grund zu trauern. Lerne das, verwirkliche es und sei glücklich.«

Donnerstag, 1. November 2012

Talk 15

Jemand fragte nach der Bedeutung des Satzes in den Upanishaden: »Der höchste Geist ist feiner als das Feinste und größer als das Größte.«
M.: »Der Geist hat sogar die Struktur des Atoms entdeckt. Also ist der Geist feiner als das Atom. Das, was hinter dem Geist ist, nämlich die individuelle Seele, ist feiner als der Geist. Zudem hat der Tamil-Heilige Manickavachagar gesagt: ›Wenn jedes Staubkörnchen, das im Sonnenlicht tanzt, ein Universum darstellt, dann stellt das ganze Sonnenlicht das höchste Sein dar.«

Talk 14, 8.1.1935

Ein alter Mann kam in die Halle und setzte sich. Der Maharshi las [Lakshmana] Sarma's Sanskrit-Fassung von Arunachala Akshara Manamalai (der ersten der fünf Hymnen an Arunachala). Der Mann fragte leise: »Es heißt, dass die Verwirklichung nicht in Worte gefasst werden könne und jeder Versuch, sie zu beschreiben, scheitere. Ist das so?«
M.: »Dieser Punkt wird im 3. Vers des Arunachala Ashtakam (Acht Verse für Arunachala) erwähnt, wo es heißt, dass es zwar unmöglich sei, über die Verwirklichung etwas auszusagen, dass es aber Anzeichen für ihr Vorhandensein gäbe.«1
Kurz darauf zeigte der Mann eine tiefe innere Bewegtheit. Sein Atem ging tief und schwer. Er warf sich in demütiger Verehrung zu Boden und erhob sich erst nach einigen Minuten wieder. Nachdem er eine Weile schweigend verharrt hatte, ging er. Er hatte offensichtlich eine Erleuchtung gehabt Er hatte beim Maharshi Bestätigung gesucht und sie in seiner Antwort gefunden. Demütig und in seiner Sache bestätigt hatte er die göttliche Vermittlung erkannt.
1»Wenn ich mich Dir nähere und Dich für eine Gestalt halte, stehst du als Berg auf der Erde. Wer mit einem suchenden Geist nach Deiner formlosen, essentiellen Gestalt Ausschau hält, ist wie jemand, der um die ganze Erde reist, um den allgegenwärtigen Äther zu sehen. Indem man ohne Gedanken bei Deiner grenzenlosen Natur verweilt, verliert man seine getrennte Identität wie eine Zuckerpuppe, die mit Süßwasser in Berührung kommt. Wenn ich begreife, wer ich in Wirklichkeit bin, dann erkenne ich, dass ich nichts anderes als Du bin, der Du als der Aruna-Berg (Berg der Morgenröte) alles überragst.« (Arunachala Ashtakam, Vers 3)