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Samstag, 24. November 2012

Talk 25

Bei einem früheren Anlass fragte B.V. Narasimha Swami, der Autor von ›Self-Realization‹: »Wer bin ich? Wie kann man das herausfinden?«
M.: »Stelle dir selbst die Frage. Der Körper (annamaya kosa) und seine Funktionen sind nicht ›ich‹. Gehe tiefer. Der Geist (manomaya kosa) und seine Funktionen sind nicht ›ich‹. Der nächste Schritt führt zu der Frage: ›Woher kommen überhaupt die Gedanken?‹ Die Gedanken sind unwillkürlich, oberflächlich oder analytisch. Sie arbeiten im Verstand. Wer aber ist sich ihrer bewusst? Das Vorhandensein von Gedanken, deren klare Begriffe und Wirkungsweisen zeigen sich dem Individuum. Diese Analyse führt also zu der Schlussfolgerung, dass die Individualität der Person als Empfänger des Vorhandenseins von Gedanken und Gedankenfolgen wirkt. Diese Individualität ist das Ego oder Ich, wie die Leute es nennen. Vijnanamaya kosa (der Intellekt) ist nur die Hülle des Ich und nicht das Ich selbst.
Forscht man weiter, dann stellt sich die Frage: ›Wer ist dieses Ich? Woher kommt es?‹ Das Ich war im Tiefschlaf nicht bewusst. Wenn es auftaucht, wechselt der Tiefschlaf zum Traum oder zum Wachzustand über. Aber im Augenblick träume ich nicht. Wer bin ich jetzt, im Wachzustand? Wenn das Ich aus dem Schlaf hervorgeht, dann war es zuvor von Unwissenheit bedeckt. Solch ein unwissendes Ich kann nicht das Ich sein, das die Schriften und die Weisen meinen. Ich bin selbst jenseits des Tiefschlafs. Mein wahres Ich muss hier und jetzt sein und auch was ich im Tiefschlaf und im Traum gewesen bin, unberührt von den Eigenschaften dieser Zustände. Ich muss deshalb das eigenschaftslose Substrat sein, auf das diese drei Zustände basieren (und das auch anandamaya kosa überschreitet). Kurz gesagt, das wahre Ich ist jenseits der fünf Hüllen1. Das, was zurückbleibt, nachdem man alles, was Nicht-Selbst ist, verworfen hat, ist das Selbst, Sat-Chit-Ananda
F.: »Wie kann man dieses Selbst kennen oder verwirklichen?«
M.: »Überschreite die jetzige relative Ebene. Ein getrenntes Sein (Ich) taucht auf, um etwas von sich selbst Getrenntes (das Nicht-Selbst) zu erkennen. Das heißt, das Subjekt ist sich des Objektes bewusst. Der Seher ist drik (das Subjekt), das Gesehene ist drisya (das Objekt).
Es muss eine Einheit geben, die beidem zugrunde liegt und sich als Ego erhebt. Dieses Ich ist seinem Wesen nach chit (Intelligenz, Bewusstsein). Das unbewusste Objekt (achit) ist nur eine Negation von chit. Deshalb gehört die zugrunde liegende Essenz dem Subjekt an und nicht dem Objekt. Sucht man den Seher (drik), bis alles Gesehene (drisya) verschwunden ist, wird der Seher immer subtiler, bis nur noch der vollkommene Seher überlebt. Dieser Prozess heißt drisya vilaya, das Verschwinden der objektiven Welt.«
F.: »Warum müssen die Objekte (drishya) beseitigt werden? Kann man die Wahrheit nicht verwirklichen, auch wenn das Gesehene bleibt, wie es ist?«
M.: »Nein. Die Beseitigung von drisya bedeutet die Beseitigung der getrennten Wesenheiten von Subjekt und Objekt. Das Objekt ist unwirklich. Alles Gesehene (das Ego inbegriffen) ist das Objekt. Vernichtet man das Unwirkliche, dann überlebt das Wirkliche. Wenn man ein Seil für eine Schlange hält, genügt es, die falsche Wahrnehmung von einer Schlange zu beseitigen, damit die Wahrheit ans Licht kommt. Ohne solch eine Beseitigung wird sich die Wahrheit nicht zeigen.«
F.: »Wann und wie kann man das Verschwinden der objektiven Welt (drisya vilaya) bewirken?«
M.: »Es ist erreicht, wenn das relative Subjekt, nämlich der Geist, beseitigt wird. Der Geist ist der Schöpfer von Subjekt und Objekt und die Ursache der dualistischen Vorstellung. Deshalb ist er die Ursache für die falsche Wahrnehmung eines begrenzten Selbst und für das Elend, das die Folge eines solchen Irrtums ist.«
F.: »Was ist dieser Geist?«
M.: »Der Geist ist eine Form der Manifestation des Lebens. Ein Holzklotz oder eine komplizierte Maschine nennt man nicht Geist. Die vitale Kraft manifestiert sich als Lebensaktivität und auch als das bewusste Phänomen, das wir Geist nennen.«
F.: »Wie ist die Beziehung zwischen Geist und Objekt? Tritt der Geist mit etwas in Kontakt, das von ihm verschieden ist, wie etwa die Welt?«
M.: »Die Welt wird im Wachzustand und im Traum empfunden bzw. ist das Objekt der Wahrnehmung und des Denkens, die beide mentale Aktivitäten sind. Gäbe es keine solchen Aktivitäten wie Wach- und Traumgedanken, dann gäbe es auch keine Wahrnehmung und man würde nicht folgern, dass es eine Welt gibt. Im Tiefschlaf gibt es keine solche Aktivität. Somit existieren die Objekte und die Welt für uns währenddessen nicht. Deshalb kann die Wirklichkeit der Welt nur vom Ego erschaffen worden sein, indem es sich aus dem Schlaf erhebt. Diese Wirklichkeit wird verschlungen oder verschwindet wieder, wenn die Seele ihre Natur im Tiefschlaf wiedergewinnt. Das Auftauchen und Verschwinden der Welt ist ein Vorgang wie bei der Spinne, die ein hauchdünnes Netz spinnt und es dann wieder in sich hineinzieht. Unsere Spinne hier liegt den drei Zuständen von Wachen, Träumen und Tiefschlaf zugrunde. Sie wird in Bezug auf die Person Atman (Selbst) genannt, während sie in Bezug auf die Welt (von der man glaubt, dass sie von der Sonne entspringt) Brahman (höchster Geist) genannt wird. Das Selbst im Menschen ist dasselbe Selbst wie das in der Sonne. (Sa yaschayam purushe yaschasavaditye sa ekah: Dies hier in der Person und dies dort in der Sonne sind eins.)
Solange das Selbst oder der Geist nicht manifest und inaktiv ist, gibt es keine Zweiheit im relativen Bereich wie Subjekt und Objekt, drik und drisya. Wird die Ergründung bis in die letzte Ursache der Manifestation des Geistes vorangetrieben, so stellt sich heraus, dass der Geist nur eine Manifestation des Wirklichen ist, das man Atman oder Brahman nennt. Den Geist nennt man sukshma sarira oder Gedankenkörper, die individuelle Seele nennt man jiva. Der jiva ist die Essenz der gewachsenen Individualität, die Persönlichkeit. Denken und Geist gelten als ihre Entwicklungsstufe oder einer der Wege, in der sich der jiva manifestiert. Das vegetative Leben ist eine frühere Entwicklungsstufe solch einer Manifestation. Der Geist bezieht sich immer auf etwas oder wirkt auf etwas ein, das nicht-mental, also materiell ist, aber niemals auf sich. Deshalb existieren Geist und Materie miteinander.«
1Nach der indischen Auffassung gibt es drei Körper: den grobstofflichen der äußeren Erscheinung, den subtilen als Träger der Eigenschaften und der geistigen Tätigkeiten und den ursächlichen im Tiefschlaf. Eine andere Aufteilung spricht von fünf Hüllen (koshas). Sie sind: die physische Hülle der äußeren Erscheinung (annnamaya kosha), die mentale Hülle aus wahllosem Wahrnehmen und Empfinden (manomaya kosha), die Hülle der Lebenskraft und der Vitalfunktionen (pranamaya kosha), die Hülle des Wissens und der Erfahrung (vijnanamaya kosa) sowie die Hülle der Seligkeit, wie im Tiefschlaf (anandamaya kosa).

Freitag, 2. November 2012

Talk 17

Herr W. Y. Evans-Wentz, ein englischer Forscher der Oxford Universität, kam zu Besuch und brachte ein Empfehlungsschreiben von Herrn Brunton mit. Er war von der Reise erschöpft und brauchte zunächst Ruhe. Er ist an die indischen Sitten gewöhnt und ist schon öfter in Indien gewesen. Er hat Tibetisch gelernt und das Tibetanische Totenbuch, die Biografie Milarepas, des größten tibetischen Yogi, sowie ein Buch über die tibetanischen Geheimlehren herausgebracht.
Am Nachmittag stellte er einige Fragen über Yoga. Er wollte wissen, ob es richtig sei, Tiere wie Tiger und Rehe zu töten, um ihr Fell als Unterlage für die Yogastellung (asana) zu benutzen.
M.: »Der Geist ist der Tiger oder das Reh.«
F.: »Wenn alles eine Illusion ist, dann darf man also töten?«
M.: »Wer hat die Illusion? Finde das heraus. Tatsächlich ist jeder in jedem Augenblick seines Lebens ein Mörder des Selbst (atmahan).«
F.: ›Welche Yogastellung ist die beste?‹
M.: »Jede Stellung, vielleicht sukha asana (die leichte oder Halb-Buddha-Stellung). Aber das ist für jnana (den Weg der Erkenntnis) unwesentlich.«
F.: »Lässt die Sitzhaltung auf die Veranlagung schließen?›
M.: »Ja.«
F.: »Was sind die Eigenschaften und Wirkungen eines Tiger- oder Rehfells oder von Wolle?«
M.: »Das wird in Yoga-Büchern beschrieben. Es hat mit der guten oder schlechten magnetischen Leitfähigkeit usw. zu tun. Aber das alles ist für den Weg der Erkenntnis (jnana marga) bedeutungslos. Die Haltung meint in Wirklichkeit Stand und Festigkeit im Selbst, und sie ist im Innern. Beim anderen handelt es sich um äußere Haltungen.«
F.: »Welche Zeit ist für die Meditation am besten?«
M.: »Was ist Zeit?«
F.: »Sag es mir!«
M.: »Zeit ist lediglich eine Vorstellung. Es gibt nur die Wirklichkeit. Was immer du glaubst, das sie ist, das scheint sie zu sein. Wenn du sie Zeit nennst, ist sie Zeit. Wenn du sie Existenz nennst, ist sie Existenz und so fort. Nachdem du sie Zeit genannt hast, unterteilst du sie in Tage und Nächte, Monate, Jahre, Stunden, Minuten usw. Zeit ist für den Weg der Erkenntnis unwesentlich. Aber einige dieser Regeln und Disziplinen sind für den Anfänger nützlich.«
F.: »Worin besteht der Pfad der Erkenntnis (jnana marga)?«
M.: »Die Konzentration des Geistes ist beiden gemein, dem Pfad des Erkennens und dem des Yoga. Yoga strebt die Einheit des Individuums mit dem Ganzen, mit der Wirklichkeit, an. Diese Wirklichkeit kann nicht neu sein. Sie muss auch jetzt existieren und sie existiert. Deshalb versucht man auf dem Pfad der Erkenntnis herauszufinden, wie viyoga (Trennung) entstanden ist. Die Trennung ist ja nur eine Trennung von der Wirklichkeit.«
F.: »Was ist Illusion?«
M.: »Wer hat die Illusion? Finde das heraus. Dann verschwindet sie. Immer wollen die Leute wissen, was Illusion ist, und untersuchen nicht, wer sie hat. Das ist töricht. Illusion ist etwas Äußeres und Unbekanntes. Aber der Sucher gilt als bekannt und ist im Innern. Finde heraus, was unmittelbar und vertraut ist, anstatt herauszufinden, was weit weg und unbekannt ist.«
F.: »Empfiehlt Bhagavan Europäern eine bestimmte Körperhaltung?«
M.: »Vielleicht ist es ganz nützlich, eine bestimmte Sitzhaltung einzunehmen. Doch es muss klar sein, dass das Fehlen von asanas, festen Zeiten oder etwas von dieser Art die Meditation nicht verhindert
F.: »Empfiehlt der Maharshi Europäern eine besondere Methode?«
M.: ›Das hängt von der geistigen Fähigkeit des Einzelnen ab. Es gibt keine starren und festen Regeln.‹«

Herr Evans-Wentz stellte noch mehrere Fragen, von denen sich die meisten auf die Yoga-Vorbereitungen bezogen. Der Maharshi beantwortete alle dahingehend, dass sie Hilfsmittel fürs Yoga seien, das selbst eine Hilfsmittel für die Selbstverwirklichung, dem Ziel von allem, sei.
F.: »Ist Arbeit ein Hindernis für die Selbstverwirklichung?«
M.: »Nein. Für den Verwirklichten ist allein das Selbst die Wirklichkeit. Die Handlungen gehören lediglich der Welt der Erscheinungen an. Sie berühren das Selbst nicht. Auch wenn der Verwirklichte handelt, hat er nicht das Empfinden, ein Handelnder zu sein. Seine Handlungen geschehen unwillkürlich, und er bleibt ihnen gegenüber ein Zeuge, ohne ihnen verhaftet zu sein. Sein Handeln geschieht absichtslos. Auch jemand, der auf dem Weg der Erkenntnis (jnana) ist, kann üben, während er einer Beschäftigung nachgeht. Am Beginn kann es für den Anfänger schwierig sein, aber nach einiger Übung gelingt es, und die Arbeit wird nicht mehr als Hindernis für die Meditation empfunden.«
F.: »Worin besteht die Übung?«
M.: »In der beständigen Suche nach dem ›Ich‹, der Quelle des individuellen Ich. ›Wer bin ich?‹ – finde das heraus. Das reine ›Ich‹ ist die Wirklichkeit, Sein-Bewusstsein-Seligkeit in seiner Absolutheit. Wenn man DAS vergisst, entsteht das ganze Elend. Wenn man DAS festhält, kann das Elend der Person nichts anhaben.«
F.: »Ist nicht brahmacharya (Ehelosigkeit) notwendig, um das Selbst zu verwirklichen?«
B.: »Brahmacharya bedeutet, in Brahman zu leben. Es hat nichts mit Ehelosigkeit zu tun, wie es üblicherweise verstanden wird. Ein wahrer brahmachari ist einer, der in Brahman lebt, und in Brahman, das mit dem Selbst identisch ist, sein Glück findet. Warum sollte er dann nach anderen Glücksquellen suchen? In Wirklichkeit ist das Auftauchen aus dem Selbst die Ursache allen Elends.«
F.: »Ist nicht Ehelosigkeit eine grundlegende Bedingung für den Weg des Yoga?«
B.: »Sie ist sicherlich für die Verwirklichung ein Hilfsmittel unter vielen anderen.«
F.: »Dann ist sie nicht unbedingt nötig? Kann ein verheirateter Mann das Selbst verwirklichen?«
B.: »Selbstverständlich. Es ist eine Frage der geistigen Reife. Verheiratet oder unverheiratet, man kann das Selbst verwirklichen, denn das Selbst ist hier und jetzt da. Wenn das nicht der Fall wäre und es nur durch Anstrengung irgendwann in der Zukunft erlangt werden könnte, wenn es etwas Neues wäre, das man erwerben müsste, dann wäre es nicht der Suche wert. Denn was nicht natürlich ist, kann auch nicht von Dauer sein. Deshalb sage ich, dass das Selbst hier und jetzt da ist und dass ES allein existiert.«
F.: »Da Gott in allen Lebewesen wohnt, darf man kein Leben nehmen. Ist es von der Gesellschaft richtig, einen Mörder hinzurichten? Oder darf es der Staat? In den christlichen Länder beginnt man, es für unrecht zu halten.«
M.: »Was hat den Mörder veranlasst, eine Straftat zu begehen? Dieselbe Kraft lässt ihm nun die Bestrafung zuteil werden. Die Gesellschaft oder der Staat sind nur ein Werkzeug in der Hand dieser Kraft. Du sprichst von einem Leben, das genommen wurde – was aber ist mit den unzähligen Leben, die der Krieg vernichtet?«
F.: »Genau. Töten ist in jedem Fall unrecht. Sind Kriege zu rechtfertigen?«
M.: »Für den Verwirklichten, demjenigen, der immer im Selbst bleibt, macht der Verlust eines oder mehrerer oder aller Leben in dieser Welt oder in allen drei Welten1 keinen Unterschied. Selbst wenn er es wäre, der alle vernichten würde, könnte keine Sünde eine solch reine Seele berühren.«
Der Maharshi zitierte aus der Bhagavad Gita Kapitel 18, Vers 17: »Wer frei von der Vorstellung des Egos ist, wessen Verstand ungebunden ist, der tötet nicht, selbst wenn er alle Welten vernichtet, noch ist er an das Resultat seiner Handlungen gebunden.«
F.: »Wirken sich die Handlungen eines Menschen nicht auf seine zukünftigen Geburten aus?«
B.: »Bist du jetzt geboren? Warum denkst du über künftige Geburten nach? In Wahrheit gibt es weder Geburt noch Tod. Soll der, der geboren wurde, an den Tod denken und wie er sich Linderung verschaffen kann.«
F.: »Wie lange hat der Maharshi gebraucht, um das Selbst zu verwirklichen?«
B.: »Diese Frage stellst du, weil du Name und Form wahrnimmst. Diese Wahrnehmungen ergeben sich aus der Identifikation des Egos mit dem grobstofflichen Leib.
Wenn sich das Ego, wie im Traum, mit dem subtilen Geist identifiziert, dann sind auch die Wahrnehmungen subtil. Aber im Tiefschlaf gibt es keine Wahrnehmungen. War derweilen das Ich nicht trotzdem da? Andernfalls könnte es keine Erinnerung geben, geschlafen zu haben. Wer also hat geschlafen? Du sagst in deinem Schlaf nicht, dass du schläfst. Du sagst es erst jetzt, im Wachzustand. Deshalb ist das Ich dasselbe im Wachen, Traum und Tiefschlaf. Finde die Wirklichkeit hinter diesen Zuständen. Das ist die Wirklichkeit, die ihnen zugrunde liegt. In diesem Zustand gibt es nur das Sein. Es gibt kein du, ich oder er, keine Gegenwart, keine Vergangenheit und keine Zukunft. Dieser Zustand ist jenseits von Raum und Zeit und kann nicht mit Worten beschrieben werden. Er ist immer da.
Wie eine Bananenstaude Schösslinge aus den Wurzeln treibt, bevor sie Früchte trägt und abstirbt, und die Schösslinge dasselbe tun, nachdem sie eingepflanzt wurden, so hat auch der ursprüngliche alte Meister (Dakshinamurti), der die Zweifel seiner Rishis-Schüler in Schweigen klärte, Schösslinge hinterlassen, die sich beständig vermehren. Der Guru ist ein Spross von Dakshinamurti. Die Frage taucht nicht auf, wenn das Selbst verwirklicht ist.«
F.: »Erfährt der Maharshi nirvikalpa samadhi
M.: »Wenn die Augen geschlossen sind, ist es nirvikalpa, wenn sie offen sind, ist es savikalpa, in dem es zwar Unterschiede, aber völlige Ruhe gibt. Der stets gegenwärtige Zustand ist der natürliche Zustand von sahaja
1die Welt der Götter, die der Menschen und die der Unterwelt

Sonntag, 28. Oktober 2012

Talk 13, 6. und 7.1.1935

6. Januar 1935
Die Engländerin M.A. Piggot kam den Maharshi besuchen. Sie hatte ›A Search in Secret India‹ [von Paul Brunton] gelesen. Ein Schüler stand als Übersetzer bereit. In der Halle waren viele Besucher, auch einige Frauen mit ihren Kindern. Es war deshalb sehr laut. Nach einiger Zeit herrschte Ruhe. Plötzlich hörte man den Maharshi, der seinen Blick ins Unendliche gerichtet hatte, sanft sagen: ›Na, Äffchen!‹ Ein kleines Affenbaby stand im Eingang, unbewacht von der Mutter, die auf der anderen Seite der Tür saß. Ein großer Affe stand auf seinen Hinterbeinen bei ihm und streichelte es mit beiden Händen, ohne es dabei im Geringsten zu verletzen, beide friedvoll vereint in der Gegenwart des Maharshi. Als die Stimme des Maharshi ertönte, sprang der Affe gewandt davon und verschwand. Der Vorfall beeindruckte die Frau sehr.

7. Januar 1935
»Ist für die Verwirklichung ein Meister nötig?«, lautete die erste Frage, die Frau Piggot stellte.
M.: »Die Gnade des Meisters trägt mehr zur Verwirklichung bei als Lehren, Vorträge, Meditationen usw. Diese sind nur von zweitrangiger Bedeutung, während die Gnade die eigentliche und wesentliche Ursache ist.«
F.: »Welches sind die Hindernisse, die die Verwirklichung des Selbst vereiteln?«
M.: »Die Denkgewohnheiten (vasanas).«
F.: »Und wie soll man sie überwinden?«
M.: »Indem man das Selbst verwirklicht.«
F.: »Das ist ein Teufelskreis.«
M.: »Es ist das Ego, dass solche Schwierigkeiten entstehen lässt. Es schafft Hindernisse und leidet dann an der Verwirrung, die aufgrund der scheinbaren Widersprüche entstehen. Finde heraus, wer diese Fragen stellt, und du wirst das Selbst finden.«
F.: »Welche Hilfsmittel gibt es für die Verwirklichung?«
M.: »Die Lehren der heiligen Schriften und von Menschen, die das Selbst verwirklicht haben.«
F.: »Können solche Lehren auch Diskussionen, Vorträge und Meditationen sein?«
M.: »Ja, aber diese Hilfen sind nur zweitrangig, während die Gnade des Meisters wesentlich ist.«
F.: »Wie lange dauert es, bis man sie erlangt?«
M.: »Wozu willst du das wissen?«
F.: »Damit ich hoffen kann.«
M.: »Auch solch ein Wunsch ist ein Hindernis. Das Selbst ist immer da. Nichts existiert ohne es. Sei das Selbst, und die Wünsche und Zweifel werden verschwinden. Dieses Selbst ist der Zeuge im Tiefschlaf, Traum und Wachzustand. Diese drei Zustände gehören dem Ego an. Das Selbst überschreitet das Ego. Hast du nicht auch im Tiefschlaf existiert? Warst du dir derweilen bewusst, dass du schläfst und der Welt nicht gewahr warst? Erst im Wachzustand beschreibst du die Erfahrung des Tiefschlafs als ein Zustand der Wahrnehmungslosigkeit. Deshalb ist das Bewusstsein im Schlaf dasselbe wie im Wachzustand. Wenn du weißt, was dieses Wachbewusstsein ist, erkennst du auch das Bewusstsein, das alle drei Zustände bezeugt. Dieses Bewusstsein kann man finden, indem man das Bewusstsein sucht, wie es im Tiefschlaf vorhanden ist.«
F.: »Dabei schlafe ich ein.«
M.: »Das macht nichts.«
F.: »Da ist nur Leere.«
M.: »Wer sieht die Leere? Finde es heraus. Du kannst zu keiner Zeit dich selbst leugnen. Das Selbst ist immer da und bleibt in allen Zuständen bestehen.«
F.: »Soll ich wie im Tiefschlaf bleiben und zugleich aufmerksam sein?«
M.: »Ja. Aufmerksamkeit ist der Wachzustand. Deshalb kann dieser Zustand kein Schlaf sein, sondern ist schlafloser Schlaf. Wenn du den Weg deiner Gedanken mitgehst, wirst du von ihnen davongetragen und findest dich in einem endlosen Labyrinth wieder.«
F.: »Dann muss ich also die Spur der Gedanken bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen.«
M.: »Genau. Auf diese Weise verschwinden die Gedanken, und allein das Selbst bleibt übrig. In Wirklichkeit gibt es für das Selbst kein Innen und Außen. Das sind ebenfalls Projektionen des Egos. Das Selbst ist rein und absolut.«
F.: »Ich verstehe das nur theoretisch. Trägt nicht auch der Verstand zur Verwirklichung bei?«
M.: »Ja, bis zu einem gewissen Grad. Trotzdem musst du erkennen, dass das Selbst den Verstand überschreitet – er muss verschwinden, um das Selbst zu erreichen.«
F.: »Hilft meine Verwirklichung den anderen?«
M.: »Gewiss. Sie ist die bestmögliche Hilfe. Aber in Wirklichkeit gibt es keine anderen, denen man helfen müsste. Denn ein Verwirklichter sieht nur das Selbst, ebenso wie ein Goldschmied nur das Gold sieht, wenn er verschiedene Schmuckstücke schätzt. Nur wenn du dich mit dem Körper identifizierst, gibt es Formen und Gestalten. Aber wenn du deinen Körper überschreitest, dann verschwinden die anderen zusammen mit deinem Körperbewusstsein.«
F.: »Ist es mit Pflanzen, Bäumen usw. ebenso?«
M.: »Existieren sie denn getrennt vom Selbst? Finde das heraus. Du denkst, dass du sie siehst. Dieser Gedanke wird von deinem Selbst hervorgebracht. Finde heraus, wo er entsteht. Dann werden keine Gedanken mehr auftauchen, und nur das Selbst bleibt übrig.«
F.: »Ich verstehe das zwar theoretisch, aber die Pflanzen und Bäume sind immer noch da.«
M.: »Ja. Es ist wie im Kino. Die Leinwand wird vom Licht beleuchtet, und die Schatten, die darüber huschen, erwecken bei den Zuschauern den Eindruck von der Inszenierung eines Stückes. Ähnlich ist es, wenn im selben Stück auch die Zuschauer gezeigt werden. Der Seher und das Gesehene würden dann nur die Leinwand sein. Wende das auf dich selbst an. Du bist die Leinwand. Das Selbst hat das Ego hervorgebracht. Dem Ego wachsen Gedanken zu, die sich als die Welt, Bäume, Pflanzen usw. zeigen, nach denen du fragst. In Wirklichkeit sind alle diese Dinge nichts anderes als das Selbst. Wenn du das Selbst siehst, wirst du erkennen, dass es alles ist, immer und überall. Nur das Selbst existiert.«
F.: »Ja, und doch verstehe ich es immer noch nur theoretisch. Aber deine Antworten sind so einfach, schön und überzeugend.«
M.: »Sogar der Gedanke ›Ich erkenne Es nicht‹ ist ein Hindernis. In Wirklichkeit gibt es nur das Selbst.«