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Freitag, 30. November 2012

Talk 30

Herr Natesa Iyer, Rechtsanwalt in einer südindischen Stadt und orthodoxer Brahmane, fragte:
F.: »Sind die Götter Iswara und Vishnu und ihre Himmel Kailash und Vaikuntha wirklich?«
B.: »So wirklich wie du in diesem Körper bist.«
F.: »Haben sie eine phänomenale Existenz wie mein Körper, oder sind sie reine Erfindungen wie das Horn eines Hasen?«
B.: »Sie existieren.«
F.: »Dann müssen sie irgendwo sein. Wo sind sie?«
M.: »Die Menschen, die sie gesehen haben, sagen, dass sie irgendwo sind. Wir müssen ihre Behauptung akzeptieren.«
F.: »Aber wo sind sie?«
B.: »In dir.«
F.: »Dann sind sie nur meine Vorstellung, etwas, das ich erschaffen und kontrollieren kann?«
B.: »Alles ist so.«
F.: »Aber ich kann mir etwas ausdenken, das nicht existiert, wie das Horn eines Hasen oder etwas, das nur teilweise wirklich ist, wie eine Luftspiegelung, während es auch Tatsachen gibt, die unabhängig von meiner Einbildungskraft existieren. Gehören die Götter Iswara und Vishnu dazu?«
B.: »Ja.«
F.: »Ist Gott der kosmischen Auflösung (pralaya) unterworfen?«
B.: »Warum sollte Er das sein? Ein Mensch, der sich des Selbst bewusst wird, überschreitet die kosmische Auflösung (pralaya) und ist befreit (mukta). Warum sollte es mit Iswara (Gott), der unendlich viel weiser und fähiger als ein Mensch ist, anders sein?«
F.: »Dann existieren Götter (devas) und Dämonen (pisachas) ebenso?«
B.: »Ja.«
F.: »Wie können wir uns das höchste göttliche Bewusstsein (Chaitanya Brahman) vorstellen?«
B.: »Als das, was es ist.«
F.: »Sollen wir es uns als aus sich selbst strahlend vorstellen?«
M.: »Es überschreitet Licht und Dunkelheit. Ein Individuum (jiva) sieht beides. Das Selbst erleuchtet das Individuum, damit es Licht und Dunkelheit wahrnehmen kann.«
F.: »Soll man es als ›Ich bin nicht der Körper, noch der Handelnde, noch der Genießende usw.‹ verwirklichen?«
M.: »Wozu diese Gedanken? Denken wir jetzt etwa, dass wir Menschen sind usw. Hören wir etwa auf, Menschen zu sein, wenn wir es nicht denken?«
F.: »Sollte man es dann durch die Worte der heiligen Schrift, wie etwa: ›Dort gibt es keinen Unterschied‹ verwirklichen?«
M.: »Wozu selbst das?«
F.: »Genügt es zu denken: ›Ich bin das Wirkliche‹?«
M.: »Alle Gedanken sind mit der Verwirklichung unvereinbar. Richtig ist, alle Gedanken über uns sowie alle anderen Gedanken auszuschließen. Denken ist das Eine – Verwirklichung ist etwas ganz anderes.«
F.: »Ist es nicht nötig oder zumindest von Vorteil, den Körper unsichtbar zu machen, wenn man sich spirituell weiterentwickelt?«
B.: »Warum denkst du daran? Bist du der Körper?«
F.: »Nein, aber eine fortgeschrittene Spiritualität muss auch eine körperliche Veränderung bewirken, oder etwa nicht?«
B.: »Welche körperliche Veränderung wünschst du dir und warum?«
F.: »Ist Unsichtbarkeit nicht ein Beweis für fortgeschrittene Weisheit (jnana)?«
B.: »In diesem Fall müssten all jene, die für andere sichtbar sprachen, schrieben und lebten, als Unverwirklichte (ajnanis) betrachtet werden.«
F.: »Aber die Weisen Vasishta und Valmiki besaßen solche Kräfte.«
B.: »Vielleicht war es ihre Bestimmung (prarabdha), solche Kräfte (siddhis) neben ihrer Weisheit (jnana) zu entwickeln. Warum willst du nach dem streben, was unwesentlich ist und leicht zu einem Hindernis für die Weisheit (jnana) werden kann? Fühlt sich denn der Weise (jnani) durch die Sichtbarkeit seines Körpers geknechtet?«
F.: »Nein.«
B.: »Ein Magier kann sich plötzlich unsichtbar machen. Ist er deshalb ein Weiser (jnani)?«
B.: »Nein.«
F.: »Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit beziehen sich auf denjenigen, der sieht. Wer ist er? Löse zuerst diese Frage. Andere Fragen sind unwichtig.«
F.: »In den Veden gibt es widersprüchliche Schöpfungsberichte. Einmal heißt es, dass der Äther zuerst erschaffen wurde. An anderen Stellen werden Lebensenergie (prana), Wasser oder noch etwas anderes genannt. Wie kann man das alles unter einen Hut bringen? Macht das nicht die Veden unglaubwürdig?«
B.: »Verschiedene Seher haben zu unterschiedlichen Zeiten verschiedene Aspekte der Wahrheit wahrgenommen, wobei jeder einen bestimmten Standpunkt betonte. Warum kümmern dich ihre widersprüchlichen Aussagen? Das eigentliche Ziel der Veden ist, uns die Natur des unvergänglichen Selbst (atman) zu lehren und aufzuzeigen, dass wir DAS sind.«
F.: »Mit diesem Teil bin ich zufrieden.«
B.: »Dann betrachte den Rest als Hilfsargumente oder Erklärungen für die Unwissenden, die die Ursache der Dinge erkennen möchten.«
F.: »Ich bin ein Sünder und erfülle keinerlei religiöse Riten (homas) usw. Werde ich deswegen schlimme Wiedergeburten haben? Bitte, rette mich!«
B.: »Warum sagst du, du seist ein Sünder? Vertrauen auf Gott genügt, um dich vor Wiedergeburten zu bewahren. Wirf deine ganze Last auf Ihn.
Im Tiruvasagam steht: ›Obwohl ich schlechter als ein Hund bin, hast Du es gnädig auf Dich genommen, mich zu beschützen. Du bist es, der die Illusion von Geburt und Tod aufrecht erhält. Ist es meine Aufgabe, zu urteilen? Bin ich hier der Herr? O Maheswara (allmächtiger Gott), es ist Deine Aufgabe, mich durch viele Körper kreisen zu lassen oder mich zu Deinen Füßen zu behalten.‹ Deshalb habe Vertrauen. Das wird dich retten.«
F.: »Herr, ich habe Vertrauen – trotzdem habe ich Schwierigkeiten. Nachdem ich Konzentration geübt haben, werde ich schwach und leichtfertig
M.: »Richtig ausgeführte Atemkontrolle (pranayama) sollte stärkend wirken.«
D.: »Ich bin berufstätig, möchte aber in ständiger Meditation (dhyana) verweilen. Ist das ein Widerspruch?«
M.: »Nein. Indem du beides tust und deine Kräfte entfaltest, wirst du fähig, dich beidem zu widmen. Du wirst anfangen, deine berufliche Tätigkeit wie ein Traum zu betrachten. In der Bhagavad Gita II, 69 heißt es: ›Das, was für alle Wesen Nacht ist, ist für den disziplinierten Menschen die Zeit aufzuwachen. Wenn andere wachen, ist es für den sehenden Weisen Nacht.‹«

Freitag, 9. November 2012

Talk 20, 30.1.935

Herr Evans-Wentz: »Ist Einsamkeit für einen Jnani notwendig?«
M.: »Einsamkeit ist im Geist des Menschen. Ein Mensch kann im Dickicht der Welt leben und gelassen bleiben. So jemand ist einsam. Ein anderer mag im Wald leben, doch unfähig sein, seinen Geist zu kontrollieren. Von ihm kann man nicht sagen, dass er einsam sei. Einsamkeit ist eine Geisteshaltung. Ein Mensch, der an seinen Wünschen hängt, kann nicht einsam sein, wo immer er auch sein mag. Ein losgelöster Mensch ist immer einsam.«
F.: »Man kann also ohne Wünsche seine Arbeit tun und die Einsamkeit beibehalten. Ist es so?«
M.: »Ja. Arbeit, die man mit Anhaftung erfüllt, ist eine Fessel, während Arbeit ohne Anhaftung den Handelnden nicht berührt. Er ist selbst während der Arbeit einsam.«
F.: »Es soll in Tibet viele Heilige geben, die einsam leben und trotzdem für die Welt von großem Nutzen sind. Wie ist das möglich?«
M.: »Es ist möglich. Die Selbstverwirklichung ist die größte Hilfe, die der Menschheit zuteil werden kann. Deshalb heißt es, dass die Heiligen helfen, obwohl sie in den Wäldern bleiben. Man sollte aber dabei nicht vergessen, dass es Einsamkeit nicht nur in den Wäldern gibt. Man kann sie auch in den Städten, inmitten weltlicher Beschäftigung haben.«
F.: »Müssen sich die Heiligen nicht unter die Leute begeben, um ihnen zu helfen?«
M.: »Nur das Selbst ist die Wirklichkeit. Die Welt und alles Übrige sind es nicht. Der Verwirklichte sieht die Welt nicht als von sich selbst verschieden.«
F.: »Bedeutet das, dass die Verwirklichung eines Menschen die Menschheit erbaut, ohne dass sie sich dessen bewusst ist?«
M.: »Ja. Die Hilfe geschieht unmerklich, ist aber trotzdem da. Ein Verwirklichter hilft der ganzen Menschheit, ohne dass sie es weiß.«
F.: »Wäre es nicht besser, wenn er unter die anderen Menschen ginge?«
M.: »Es gibt keine anderen, unter die er gehen könnte. Das Selbst ist die eine und einzige Wirklichkeit.«
F.: »Wenn es hundert selbstverwirklichte Menschen gäbe, wäre das nicht zum besseren Wohl der Welt?«
M.: »Wenn du ›Selbst‹ sagst, dann beziehst du dich auf das Unbegrenzte. Aber wenn du ›Menschen‹ hinzufügst, dann begrenzt du die Bedeutung. Es gibt nur ein unendliches Selbst.«
F.: »Ja, ich verstehe. Sri Krishna sagt in der Gita, dass man die Arbeit ohne Anhaftung tun müsse und dass solche Arbeit besser als Nichtstun sei. Ist damit karma yoga gemeint?«
M.: »Was gesagt wurde, entspricht der Veranlagung des Zuhörers.«
F.: »In Europa verstehen die Leute nicht, dass ein Mensch, der in Einsamkeit lebt, hilfreich sein kann. Sie glauben, dass nur Menschen, die in der Welt wirken, nützlich sind. Wann wird dieser Irrtum enden? Wird der europäische Geist weiterhin im Morast waten oder die Wahrheit erkennen?«
M.: »Sorge dich nicht um Europa oder Amerika. Wo sind diese Länder außer in deinem Geist? Verwirkliche dein Selbst, dann ist alles verwirklicht. Wenn du von Menschen träumst und dann aufwachst und dich an deinen Traum erinnerst, versuchst du dann festzustellen, ob die Personen in deiner Traumschöpfung auch wach sind?«
F.: »Was denkt der Maharshi über die Theorie der Welt-Illusion (maya)?«
M.: »Was ist maya? Sie ist nur Wirklichkeit.«
F.: »Bedeutet maya nicht Illusion?«
M.: »Der Ausdruck ›maya‹ wird benutzt, um die Manifestationen der Wirklichkeit zu bezeichnen. Deshalb ist maya nur die Wirklichkeit.«
F.: »Manche Leute behaupten, Shankara sei nur ein Intellektueller, aber kein Verwirklichter gewesen. Stimmt das?«
M.: »Warum kümmerst du dich um Shankara? Verwirkliche dein eigenes Selbst. Andere können für sich selbst sorgen.«
F.: »Jesus Christus heilte Kranke. Geschah das nur durch okkulte Kraft (siddhi)?«
M.: »War sich Jesus bewusst, dass er Kranke heilte? Er konnte sich seiner Kräfte nicht bewusst gewesen sein. Dazu gibt es folgende Geschichte: Jesus hatte einst einen Blinden geheilt. Der Mann wurde im Lauf der Zeit immer böser. Als Jesus ihm nach einigen Jahren wieder begegnete und seine Bosheit sah, fragte er ihn nach dem Grund. Er antwortete, dass er, als er blind gewesen sei, keine Sünden hätte begehen können. Aber nachdem Jesus ihn von seiner Blindheit geheilt habe, sei er böse geworden. Also sei Jesus dafür verantwortlich.«
F.: »War Jesus nicht ein Vollkommener, der okkulte Kräfte (siddhis) besaß?«
M.: »Er konnte sich seiner Kräfte (siddhis) nicht bewusst gewesen sein.«
F.: »Ist es nicht gut, solche Kräfte wie Telepathie und dergleichen zu erlangen?«
M.: »Telepathie sowie das Radio ermöglichen einem, etwas von fern zu sehen und zu hören. Es ist immer dasselbe Sehen und Hören. Ob man etwas von Nahem oder Fernem hört, macht für das Hören keinen Unterschied. Der grundlegende Faktor ist der Hörende, das Subjekt. Ohne den Hörenden oder Sehenden kann es kein Hören oder Sehen geben. Letzteres sind Funktionen des Geistes. Deshalb gehören die okkulten Kräfte (siddhis) nur zum Geist, nicht zum Selbst. Was aber nicht natürlich ist, sondern erworben wurde, kann nicht von Dauer sein und ist nicht wert, dass man danach strebt.
Okkulte Kräfte sind über das Normale hinausgehende Kräfte. Der Mensch besitzt begrenzte Kräfte und fühlt sich elend. Er möchte seine Kräfte ausweiten, um glücklich zu sein. Aber wird er das dadurch? Wenn man sich schon mit begrenztem Wahrnehmungsvermögen elend fühlt, dann muss das Elend mit zunehmendem Wahrnehmungsvermögen wachsen. Okkulte Kräfte machen niemand glücklich, sondern nur elender!
Im Übrigen: Wozu? Der Möchtegern-Okkultist (siddha) will seine siddhis zur Schau stellen, damit die anderen ihn anerkennen. Er sucht Anerkennung, und wenn sie sich nicht einstellt, ist er unglücklich. Er braucht andere, die ihn anerkennen. Womöglich trifft er auf jemanden, der noch größere Kräfte als er besitzt. Das wird ihn eifersüchtig und noch unglücklicher machen. Der bessere Okkultist (siddha) kann jemanden treffen, der noch besser ist als er, und so geht es weiter, bis einer kommt, der alles im Nu beiseite fegt. Dies ist der höchste Meister (siddha), und Er ist Gott oder das Selbst.
Worin besteht wahre Kraft? Darin, seinen Besitz zu vermehren oder Frieden zu bringen? Was Frieden bringt, ist die höchste Vollkommenheit (siddhi).«
F.: »Aber der europäische und amerikanische Durchschnittsmensch würde eine solche Haltung nicht anerkennen. Er will etwas zu sehen bekommen, durch Vorträge unterrichtet werden usw.«
M.: »Vorträge können die Menschen für einige Stunden unterhalten, ohne sie zu bessern. Schweigen ist dagegen dauerhaft und kommt der ganzen Menschheit zugute.«
F.: »Schweigen wird aber nicht verstanden.«
M.: »Das macht nichts. Mit Schweigen ist Beredsamkeit gemeint. Belehrungen mit Worten sind nicht so beredsam wie Schweigen. Schweigen ist dauerhafte Beredsamkeit. Der ursprüngliche Meister Dakshinamurti ist dafür das Vorbild. Er lehrte seine rishi-Schüler durch Schweigen.«
F.: »Aber Er hatte damals Schüler. Da war das in Ordnung. Jetzt ist es anders. Man muss sie aufsuchen, um ihnen zu helfen.«
M.: »Diese Ansicht ist ein Zeichen von Unwissenheit. Die Kraft, die dich erschaffen hat, hat auch die Welt erschaffen. Wenn sie sich um dich kümmern kann, dann kann sie sich auch um die Welt kümmern.«
F.: »Wie denkt Bhagavan über die verlorene Seelen, von denen Jesus Christus sprach?«
M.: »Überlege, was verloren gehen kann. Gibt es überhaupt etwas zu verlieren? Was zählt, ist nur das, was natürlich ist. Es muss ewig sein und kann nicht erfahren werden. Was geboren wurde, muss sterben. Was erlangt wurde, muss verloren gehen. Aber wurdest du geboren? Du existierst immer. Das Selbst kann niemals verloren gehen.«
F.: »Buddha rät zum achtfachen Weg als dem besten, damit niemand verloren gehen möge.«
M.: »Ja. Er wird von den Hindus Raja Yoga genannt
F.: »Ist es für einen spirituell Suchenden ratsam, Yoga zu üben?«
M.: »Yoga hilft, den Geist zu kontrollieren.«
F.: »Führt Yoga nicht zu okkulten Kräften (siddhis), die gefährlich sein sollen.«
M.: »Du hast deine Frage auf den spirituell Suchenden bezogen. Du hast also nicht den, der nach okkulten Kräften (siddhis) sucht, gemeint.«

Freitag, 2. November 2012

Talk 17

Herr W. Y. Evans-Wentz, ein englischer Forscher der Oxford Universität, kam zu Besuch und brachte ein Empfehlungsschreiben von Herrn Brunton mit. Er war von der Reise erschöpft und brauchte zunächst Ruhe. Er ist an die indischen Sitten gewöhnt und ist schon öfter in Indien gewesen. Er hat Tibetisch gelernt und das Tibetanische Totenbuch, die Biografie Milarepas, des größten tibetischen Yogi, sowie ein Buch über die tibetanischen Geheimlehren herausgebracht.
Am Nachmittag stellte er einige Fragen über Yoga. Er wollte wissen, ob es richtig sei, Tiere wie Tiger und Rehe zu töten, um ihr Fell als Unterlage für die Yogastellung (asana) zu benutzen.
M.: »Der Geist ist der Tiger oder das Reh.«
F.: »Wenn alles eine Illusion ist, dann darf man also töten?«
M.: »Wer hat die Illusion? Finde das heraus. Tatsächlich ist jeder in jedem Augenblick seines Lebens ein Mörder des Selbst (atmahan).«
F.: ›Welche Yogastellung ist die beste?‹
M.: »Jede Stellung, vielleicht sukha asana (die leichte oder Halb-Buddha-Stellung). Aber das ist für jnana (den Weg der Erkenntnis) unwesentlich.«
F.: »Lässt die Sitzhaltung auf die Veranlagung schließen?›
M.: »Ja.«
F.: »Was sind die Eigenschaften und Wirkungen eines Tiger- oder Rehfells oder von Wolle?«
M.: »Das wird in Yoga-Büchern beschrieben. Es hat mit der guten oder schlechten magnetischen Leitfähigkeit usw. zu tun. Aber das alles ist für den Weg der Erkenntnis (jnana marga) bedeutungslos. Die Haltung meint in Wirklichkeit Stand und Festigkeit im Selbst, und sie ist im Innern. Beim anderen handelt es sich um äußere Haltungen.«
F.: »Welche Zeit ist für die Meditation am besten?«
M.: »Was ist Zeit?«
F.: »Sag es mir!«
M.: »Zeit ist lediglich eine Vorstellung. Es gibt nur die Wirklichkeit. Was immer du glaubst, das sie ist, das scheint sie zu sein. Wenn du sie Zeit nennst, ist sie Zeit. Wenn du sie Existenz nennst, ist sie Existenz und so fort. Nachdem du sie Zeit genannt hast, unterteilst du sie in Tage und Nächte, Monate, Jahre, Stunden, Minuten usw. Zeit ist für den Weg der Erkenntnis unwesentlich. Aber einige dieser Regeln und Disziplinen sind für den Anfänger nützlich.«
F.: »Worin besteht der Pfad der Erkenntnis (jnana marga)?«
M.: »Die Konzentration des Geistes ist beiden gemein, dem Pfad des Erkennens und dem des Yoga. Yoga strebt die Einheit des Individuums mit dem Ganzen, mit der Wirklichkeit, an. Diese Wirklichkeit kann nicht neu sein. Sie muss auch jetzt existieren und sie existiert. Deshalb versucht man auf dem Pfad der Erkenntnis herauszufinden, wie viyoga (Trennung) entstanden ist. Die Trennung ist ja nur eine Trennung von der Wirklichkeit.«
F.: »Was ist Illusion?«
M.: »Wer hat die Illusion? Finde das heraus. Dann verschwindet sie. Immer wollen die Leute wissen, was Illusion ist, und untersuchen nicht, wer sie hat. Das ist töricht. Illusion ist etwas Äußeres und Unbekanntes. Aber der Sucher gilt als bekannt und ist im Innern. Finde heraus, was unmittelbar und vertraut ist, anstatt herauszufinden, was weit weg und unbekannt ist.«
F.: »Empfiehlt Bhagavan Europäern eine bestimmte Körperhaltung?«
M.: »Vielleicht ist es ganz nützlich, eine bestimmte Sitzhaltung einzunehmen. Doch es muss klar sein, dass das Fehlen von asanas, festen Zeiten oder etwas von dieser Art die Meditation nicht verhindert
F.: »Empfiehlt der Maharshi Europäern eine besondere Methode?«
M.: ›Das hängt von der geistigen Fähigkeit des Einzelnen ab. Es gibt keine starren und festen Regeln.‹«

Herr Evans-Wentz stellte noch mehrere Fragen, von denen sich die meisten auf die Yoga-Vorbereitungen bezogen. Der Maharshi beantwortete alle dahingehend, dass sie Hilfsmittel fürs Yoga seien, das selbst eine Hilfsmittel für die Selbstverwirklichung, dem Ziel von allem, sei.
F.: »Ist Arbeit ein Hindernis für die Selbstverwirklichung?«
M.: »Nein. Für den Verwirklichten ist allein das Selbst die Wirklichkeit. Die Handlungen gehören lediglich der Welt der Erscheinungen an. Sie berühren das Selbst nicht. Auch wenn der Verwirklichte handelt, hat er nicht das Empfinden, ein Handelnder zu sein. Seine Handlungen geschehen unwillkürlich, und er bleibt ihnen gegenüber ein Zeuge, ohne ihnen verhaftet zu sein. Sein Handeln geschieht absichtslos. Auch jemand, der auf dem Weg der Erkenntnis (jnana) ist, kann üben, während er einer Beschäftigung nachgeht. Am Beginn kann es für den Anfänger schwierig sein, aber nach einiger Übung gelingt es, und die Arbeit wird nicht mehr als Hindernis für die Meditation empfunden.«
F.: »Worin besteht die Übung?«
M.: »In der beständigen Suche nach dem ›Ich‹, der Quelle des individuellen Ich. ›Wer bin ich?‹ – finde das heraus. Das reine ›Ich‹ ist die Wirklichkeit, Sein-Bewusstsein-Seligkeit in seiner Absolutheit. Wenn man DAS vergisst, entsteht das ganze Elend. Wenn man DAS festhält, kann das Elend der Person nichts anhaben.«
F.: »Ist nicht brahmacharya (Ehelosigkeit) notwendig, um das Selbst zu verwirklichen?«
B.: »Brahmacharya bedeutet, in Brahman zu leben. Es hat nichts mit Ehelosigkeit zu tun, wie es üblicherweise verstanden wird. Ein wahrer brahmachari ist einer, der in Brahman lebt, und in Brahman, das mit dem Selbst identisch ist, sein Glück findet. Warum sollte er dann nach anderen Glücksquellen suchen? In Wirklichkeit ist das Auftauchen aus dem Selbst die Ursache allen Elends.«
F.: »Ist nicht Ehelosigkeit eine grundlegende Bedingung für den Weg des Yoga?«
B.: »Sie ist sicherlich für die Verwirklichung ein Hilfsmittel unter vielen anderen.«
F.: »Dann ist sie nicht unbedingt nötig? Kann ein verheirateter Mann das Selbst verwirklichen?«
B.: »Selbstverständlich. Es ist eine Frage der geistigen Reife. Verheiratet oder unverheiratet, man kann das Selbst verwirklichen, denn das Selbst ist hier und jetzt da. Wenn das nicht der Fall wäre und es nur durch Anstrengung irgendwann in der Zukunft erlangt werden könnte, wenn es etwas Neues wäre, das man erwerben müsste, dann wäre es nicht der Suche wert. Denn was nicht natürlich ist, kann auch nicht von Dauer sein. Deshalb sage ich, dass das Selbst hier und jetzt da ist und dass ES allein existiert.«
F.: »Da Gott in allen Lebewesen wohnt, darf man kein Leben nehmen. Ist es von der Gesellschaft richtig, einen Mörder hinzurichten? Oder darf es der Staat? In den christlichen Länder beginnt man, es für unrecht zu halten.«
M.: »Was hat den Mörder veranlasst, eine Straftat zu begehen? Dieselbe Kraft lässt ihm nun die Bestrafung zuteil werden. Die Gesellschaft oder der Staat sind nur ein Werkzeug in der Hand dieser Kraft. Du sprichst von einem Leben, das genommen wurde – was aber ist mit den unzähligen Leben, die der Krieg vernichtet?«
F.: »Genau. Töten ist in jedem Fall unrecht. Sind Kriege zu rechtfertigen?«
M.: »Für den Verwirklichten, demjenigen, der immer im Selbst bleibt, macht der Verlust eines oder mehrerer oder aller Leben in dieser Welt oder in allen drei Welten1 keinen Unterschied. Selbst wenn er es wäre, der alle vernichten würde, könnte keine Sünde eine solch reine Seele berühren.«
Der Maharshi zitierte aus der Bhagavad Gita Kapitel 18, Vers 17: »Wer frei von der Vorstellung des Egos ist, wessen Verstand ungebunden ist, der tötet nicht, selbst wenn er alle Welten vernichtet, noch ist er an das Resultat seiner Handlungen gebunden.«
F.: »Wirken sich die Handlungen eines Menschen nicht auf seine zukünftigen Geburten aus?«
B.: »Bist du jetzt geboren? Warum denkst du über künftige Geburten nach? In Wahrheit gibt es weder Geburt noch Tod. Soll der, der geboren wurde, an den Tod denken und wie er sich Linderung verschaffen kann.«
F.: »Wie lange hat der Maharshi gebraucht, um das Selbst zu verwirklichen?«
B.: »Diese Frage stellst du, weil du Name und Form wahrnimmst. Diese Wahrnehmungen ergeben sich aus der Identifikation des Egos mit dem grobstofflichen Leib.
Wenn sich das Ego, wie im Traum, mit dem subtilen Geist identifiziert, dann sind auch die Wahrnehmungen subtil. Aber im Tiefschlaf gibt es keine Wahrnehmungen. War derweilen das Ich nicht trotzdem da? Andernfalls könnte es keine Erinnerung geben, geschlafen zu haben. Wer also hat geschlafen? Du sagst in deinem Schlaf nicht, dass du schläfst. Du sagst es erst jetzt, im Wachzustand. Deshalb ist das Ich dasselbe im Wachen, Traum und Tiefschlaf. Finde die Wirklichkeit hinter diesen Zuständen. Das ist die Wirklichkeit, die ihnen zugrunde liegt. In diesem Zustand gibt es nur das Sein. Es gibt kein du, ich oder er, keine Gegenwart, keine Vergangenheit und keine Zukunft. Dieser Zustand ist jenseits von Raum und Zeit und kann nicht mit Worten beschrieben werden. Er ist immer da.
Wie eine Bananenstaude Schösslinge aus den Wurzeln treibt, bevor sie Früchte trägt und abstirbt, und die Schösslinge dasselbe tun, nachdem sie eingepflanzt wurden, so hat auch der ursprüngliche alte Meister (Dakshinamurti), der die Zweifel seiner Rishis-Schüler in Schweigen klärte, Schösslinge hinterlassen, die sich beständig vermehren. Der Guru ist ein Spross von Dakshinamurti. Die Frage taucht nicht auf, wenn das Selbst verwirklicht ist.«
F.: »Erfährt der Maharshi nirvikalpa samadhi
M.: »Wenn die Augen geschlossen sind, ist es nirvikalpa, wenn sie offen sind, ist es savikalpa, in dem es zwar Unterschiede, aber völlige Ruhe gibt. Der stets gegenwärtige Zustand ist der natürliche Zustand von sahaja
1die Welt der Götter, die der Menschen und die der Unterwelt